Die in diesem Skriptum behandelte Sprache umfasst die Konnektive
,
,
und
. Unsere Semantik, die jedem
Satzbuchstaben einen der Werte
und
zuordnet, erlaubt viel
mehr Konnektive. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit der Frage, welche
und wieviele Konnektive es geben könnte, ob sie alle in irgendeiner
Hinsicht sinnvoll sind oder nicht und ob es einen Grund gibt, warum sich
unsere logische Sprache auf die genannten Konnektive beschränkt.
Beginnen wir mit den einstelligen Konnektiven, d.h. mit jenen Konnektiven,
die mit einem einzigen Satz verbunden sind. Hier kennen wir nur die
Negation,
. Sie hat die Wahrheitstafel
Gibt es einstellige Konnektive, die eine andere Wahrheitstafel haben? Die Antwort lautet offensichtlich ja; wir können folgende Wahrheitstafeln bilden:
Das erste Konnektiv ist unsere Negation; es kehrt den Wahrheitswert des
Satzes um, auf den es angewandt wird. Das zweite Konnektiv gibt es in
unserer Sprache nicht; es liefert in jedem Fall den Wert
. Das
dritte Konnektiv liefert stets
; auch ein solches Konnektiv fehlt in
unserer logischen Sprache. Das letzte Konnektiv,
, lässt den
Wahrheitswert des Satzes, auf den es angewandt wird, unverändert. Auch über
dieses Konnektiv verfügen wir nicht.
Wie sehr fehlen uns die fehlenden Konnektive? Nun, man mag argumentieren,
dass die Konnektive
bis
nutzlos seien. Da Nutzen keine
philosophische Kategorie ist, sollten wir einen anderen Zugang suchen: Kann
man mit Hilfe der Konnektive
bis
irgendetwas ausdrücken, was
man ohne sie nicht ausdrücken kann? Erfreulicherweise ist das nicht der
Fall. Möchte man einen Satz
so umformulieren, dass er stets
falsch ist (das entspricht Konnektiv
), dann schreibt man ganz einfach
. Dieser Ausdruck ist zwar etwas lang, aber wenn die
Leserin die Wahrheitstabelle für ihn aufstellt, wird sie sehen, dass er
tatsächlich konstant falsch ist.
Möchte man aus
einen konstant wahren Satz formen (
),
so schreibt man
ganz einfach z.B.
. Auch das ist länger als es ein
eigenes Konnektiv wäre, erspart uns aber das Auswendiglernen überflüssig
vieler logischer Zeichen.
Wie man vorgehen muss, um Konnektiv
, das den Wahrheitswert eines
Satzes unverändert lässt, nachzuahmen, möge der Leser selbst herausfinden.
Ein kleiner Tip: Man muss überhaupt nichts tun.
Bei den zweistelligen Konnektiven ist der Sachverhalt komplizierter. Die
Leserin wird gebeten, an dieser Stelle innezuhalten und zu überlegen, wieviele
zweistellige Konnektive es geben mag, pathologische Fälle mit eingeschlossen
(also z.B. ein zweistelliges Konnektiv, das immer
liefert).
Die aufwendigste Methode, die gesuchte Anzahl herauszufinden, besteht darin, alle Möglichkeiten aufzuschreiben und anschließend zu zählen:
Wie man sieht, gibt es sechzehn zweistellige Konnektive. Wirklich überraschend
ist das nicht: Eine Wahrheitstafel für ein zweistelliges Konnektiv hat
vier Zeilen. In der ersten Zeile muss das Konnektiv entweder
oder
liefern; für die erste Zeile gibt es also zwei Möglichkeiten. Auch in der
zweiten Zeile muss einer der beiden Wahrheitswerte stehen; die Zahl der
Möglichkeiten in der ersten Zeile wird daher verdoppelt (
). Dadurch,
dass auch in der dritten Zeile einer der zwei Werte
und
steht,
wird das Zwischenergebnis erneut verdoppelt - wir stehen bei
.
Da auch in der letzten Zeile einer der zwei Fälle auftreten muss, verdoppelt
sich die Zahl der Möglichkeiten ein letztes Mal, und wir landen bei
, das ist
bzw. sechzehn.
Da diese Liste vollständig ist, müssen auch die drei zweistelligen Konnektive
unserer logischen Sprache darin auftreten:
ist die Konjunktion,
,,
``,
ist die Disjunktion, ,,
``, und
ist das
Konditional, ,,
``. dass es die übrigen Konnektive in unserer
logischen Sprache nicht gibt, sagt nichts über ihre Sinnhaftigkeit aus.
Einige der sechzehn Konnektive erfreuen sich großer Bedeutung und haben auch
eigene Namen. Besonders wichtig sind Konnektiv
, das NOR oder
Nichtoder, und Konnektiv
, NAND
oder Nichtund.4.4 Konnektiv
, das
ausschließende Oder (,,entweder ...oder``, lateinisch aut), hat
in der Kryptologie (Verschlüsselung) eine hervorragende Stellung inne; es
ist dort als
Vernam-Chiffrierschritt
(unvollständige Addition)
bekannt.4.5 Die Leserin möge darüber nachdenken, welche der übrigen Konnektive
in welcher Weise bedeutsam sein könnten.
Unabhängig von der Frage, ob alle sechzehn Konnektive in irgendeiner
Hinsicht sinnvoll sind, lässt sich wie bei den einstelligen Konnektiven
die Frage stellen, welche von ihnen nötig sind. Dazu ist folgende
Definition hilfreich: Eine Menge von Konnektiven heißt funktional
vollständig, wenn sich mit Hilfe
dieser Konnektive jedes andere Konnektiv ausdrücken lässt. Die Menge
unserer Konnektive,
ist funktional
vollständig. Es wäre eine gute Übung, an dieser Stelle innezuhalten und
zu versuchen, einige der sechzehn möglichen Konnektive mit den Konnektiven
unserer logischen Sprache auszudrücken.
Ist man des Denkens überdrüssig, kann man sich folgendes Verfahrens
bedienen: Man bildet für jede Wahrheitswertzuordnung, bei der das zur
Diskussion stehende Konnektiv den Wert
liefert, eine Konjunktion.
Das linke Konjunkt ist der Satz
, wenn die Zuordnung dem Satz
den Wert
zuordnet, und der Satz
, wenn sie ihm den
Wert
zuordnet. Das rechte Konjunkt lautet
, wenn die Zuordnung
dem Satz
den Wert
zuordnet, und
, wenn sie ihm
zuordnet. Zuletzt werden alle so entstandenen Konjunktionen zu einer
Disjunktion verbunden.
Zur Klärung wollen wir das Konnektiv
betrachten. Es liefert
für drei Zuordnungen den Wert
, nämlich für
, für
und
für
. Für jede dieser Zuordnungen müssen
wir in der geschilderten Weise eine Konjunktion bilden. Die erste
Konjunktion lautet
, weil die erste Zuordnung beiden
Sätzen den Wert
zuordnet. Die zweite Konjunktion ist
,
weil die zweite Zuordnung dem ersten Satz
und dem zweiten Satz
zuordnet. Die dritte und letzte Konjunktion hat die Gestalt
, weil die dritte Zuordnung beiden Sätzen den Wert
zuordnet.
Wenn man die drei Konjunktionen zu einer Disjunktion verbindet, gelangt
man zu
4.6. Zur Kontrolle kann man für diesen Satz eine Wahrheitstafel
aufstellen; sie hat denselben Verlauf wie das Konnektiv
.
Ein Sonderfall ist das Konnektiv
; da es in keiner Zeile den Wert
liefert, ist das Verfahren nicht anwendbar. Es ist dennoch sehr einfach,
mit den bekannten Konnektiven nachzuahmen, indem man z.B.
oder - weil man beide Sätze unterbringen möchte -
schreibt.