In Kapitel 4.2
(Seite
) haben wir uns damit
befasst, aussagenlogische Argumente auf ihre semantische Gültigkeit hin
zu untersuchen. In diesem Kapitel wollen wir unsere Untersuchung
auf die volle Prädikatenlogik ausdehnen.
Hier zur Erinnerung noch einmal die Definition semantischer Gültigkeit:
Um die Wahrheit eines Satzes der Aussagenlogik zu kennen, reicht es aus, die Wahrheit der in ihm vorkommenden Satzbuchstaben zu kennen. Mit dieser Information lässt sich der Wahrheitswert des ganzen Satzes errechnen. Um alle Möglichkeiten zu prüfen, in denen die Prämissen theoretisch alle wahr sein können und die Konklusion falsch sein kann, reicht es aus, alle Zuordnungen von Wahrheitswerten zu allen im Satz auftretenden Satzbuchstaben zu untersuchen.
Die Prädikatenlogik besteht aus weitaus mehr Komponenten. Um den Wahrheitswert eines prädikatenlogischen Satzes feststellen zu können, benötigt man folgende Informationen:
Diese Information liefert das Diskursuniversum (vgl.
Kapitel 4.6.1,
Seite
).
Diese Information liegt in Gestalt von Namensrelationen
vor (vgl. Kapitel 4.6.2,
Seite
).
Diese Information liefert eine Wahrheitswertzuordnung, wie wir
sie aus der reinen Aussagenlogik kennen (vgl.
Kapitel 4.1.1,
Seite
).
Diese Information liefern die Extensionen der Prädikate
(vgl. Kapitel 4.6.3,
Seite
).
All diese Informationen liefert einem eine Interpretation:
Ein geordnetes Quadrupel
heißt genau dann Interpretation
eines prädikatenlogischen Satzes
,
wenn folgende Bedingungen zutreffen:
Satzbuchstaben kommen im zu interpretierenden Satz keine vor. Wir verwenden
für
der Einfachheit halber die leere Menge,
.
Das bedeutet, dass keinem einzigen Satzbuchstaben der Wert
zugeordnet
wird.
Eine Interpretation eines prädikatenlogischen Satzes erlaubt es, seinen
Wahrheitswert gemäß den Wahrheitsregeln von
Kapitel 4.6.4
(Seite
) zu berechnen.
Eine Interpretation für einen Satz
,
die diesen Satz
wahr macht, heißt Modell
von
. Hat ein Satz kein Modell, ist er
unerfüllbar.
Hat ein Satz mindestens ein Modell, ist er erfüllbar.
Ist ein Satz bei jeder Interpretation wahr, dann ist er allgemeingültig.
Um die semantische Gültigkeit ausdrücken zu können, müssen wir die
Definition von ,,Interpretation`` auf mehrere Sätze, d.h. auf eine
Satzmenge ausdehnen: Ein Quadrupel
ist genau dann eine Interpretation für eine Satzmenge, wenn
es eine Interpretation für jeden Satz dieser Satzmenge ist. Diese
Festlegung stellt sicher, dass jeder Satz auch dann vollständig interpretiert
wird, wenn nicht alle Sätze dieselben Individuenkonstanten und Prädikate
enthalten.
Die semantische Gültigkeit eines prädikatenlogischen Arguments lässt sich damit folgendermaßen ausdrücken:
Eine Interpretation, die ein Argument widerlegt, indem sie alle Prämissen wahr, die Konklusion aber falsch macht, heißt wie in der Aussagenlogik Gegenbeispiel.
Obwohl komplizierter zu verstehen, unterscheidet sich die Semantik der Prädikatenlogik in den bisherigen Punkten nicht unerträglich von jener der Aussagenlogik. Erst wenn man mit dem bisher Gesagten an ein konkretes Argument herantritt, sieht man den großen Unterschied:
Schon allein dadurch, dass man für die Wahl der Anzahl von Individuen unendlich viele Möglichkeiten hat (das Diskursuniversum kann ein Individuum, zwei Individuen, drei, vier, ..., unendlich viele Individuen, ...enthalten), kann man für jeden prädikatenlogischen Satz unendlich viele Interpretationen finden. Da man nicht unendlich viele Interpretationen aufschreiben kann, gibt es in der Prädikatenlogik nichts, das dem Wahrheitstafeltest der Aussagenlogik vergleichbar wäre.
In der Tat gibt es kein Verfahren, das entscheidet, ob ein prädikatenlogisches Argument gültig ist oder ungültig.
Da man zum Nachweis der Gültigkeit unendlich viele Interpretationen untersuchen müsste, beschäftigt man sich zunächst statt dessen mit dem Nachweis von Ungültigkeit: Sobald man eine einzige Interpretation gefunden hat, die die Prämissen wahr, die Konklusion aber falsch macht, steht fest, dass das Argument semantisch ungültig ist. Solange man keine solche Interpretation gefunden hat, ist keine Aussage möglich: Das Argument könnte gültig sein; genauso gut wäre es aber möglich, dass das Argument zwar ungültig ist, man aber die Interpretation, die das zeigt, noch nicht gefunden hat.