Nach unserem bisherigen Wissensstand bezeichnet jeder Name genau
einen Gegenstand. Diese zweistellige Namensrelation
Name, Gegenstand
(vgl.
Seite
) ist sehr einfach und hat
uns bisher keine Probleme bereitet.
Da unsere Namensrelation nur zweistellig ist, kann eine Aussage, in der ein Name vorkommt, nur eine Aussage über den Gegenstand sein, den der Name bezeichnet. So kommt in der Aussage ,,Der Abendstern ist am Abendhimmel sichtbar`` der Name ,,der Abendstern`` vor. Die Aussage hat natürlich nicht den Namen ,,Abendstern`` zum Thema (der Sprachausdruck ,,der Abendstern`` ist auch nicht am Himmel sichtbar), sondern den Gegenstand ,,Abendstern``, also den Himmelskörper dieses Namens.
Die beiden Sätze
| (1) | Der Abendstern ist der Abendstern. |
| (2) | Der Abendstern ist der Morgenstern. |
sind von völlig unterschiedlicher Qualität. Satz (1) ist eine
Trivialität oder zumindest ein Faktum, an dem ein Normalsterblicher
nicht zweifelt. In unsere logische Sprache übersetzt, lautet Satz (1)
. Dieser Satz ist ein Theorem, denn er lässt sich ohne jede
Prämisse beweisen.5.5
Satz (2) liefert die Information, dass der Himmelskörper, den man am Morgenhimmel sieht, derselbe ist wie jener, den man am Abendhimmel wahrnimmt. Dabei handelt es sich um ein empirisches Ergebnis der Astronomie, das keineswegs selbstevident ist; es zu erzielen bedurfte intensiver Forschung.
Tatsächlich muss Satz (2) auch völlig anders übersetzt werden, nämlich
als
. Diese Aussage ist kein Theorem, denn die Tatsache, dass am
Morgenhimmel und am Abendhimmel derselbe Himmelskörper (übrigens der
Planet Venus) am deutlichsten sichtbar ist, ist keine logische Notwendigkeit:
.
Wenn wir an der eingangs formulierten Meinung festhalten, dass ein Satz ausschließlich die Gegenstände zum Thema hat, deren Namen in ihm vorkommen, dann haben wir ein Problem. Die Namen ,,Morgenstern`` und ,,Abendstern`` bezeichnen beide den Planeten ,,Venus``. Demnach sagen beide Sätze aus, dass der Planet Venus mit sich selbst identisch ist. Diese Feststellung ist trivial und liefert uns keine neue Erkenntnis; ihretwegen bedürfte es keiner Astronomie.
Gottlob Frege schlägt in seiner bedeutenden Arbeit Über Sinn und Bedeutung5.6 vor, die Namensrelation als dreistellig aufzufassen:
Dabei ist
der Gegenstand, den der Name bezeichnet. Neu
ist die Komponente
; sie beschreibt Frege als ,,Art des
Gegebenseins`` - gemeint ist die Art, wie der Name uns den Gegenstand
gibt, nahebringt, vermittelt. Was mit diesem ,,Geben`` gemeint ist, soll am
Beispiel der beiden Namen ,,Abendstern`` und ,,Morgenstern`` deutlich
gemacht werden:
Der Name ,,Abendstern`` bezeichnet den Planeten Venus; dabei ist uns
Venus gegeben als derjenige Himmelskörper, der am Abendhimmel am deutlichsten
zu sehen ist. Die Namensrelation für ,,Abendstern`` wäre daher
,,Abendstern``, ,,jener Himmelskörper, der am Abendhimmel am deutlichsten
zu sehen ist``, der Planet Venus
.
Der Name ,,Morgenstern`` bezeichnet ebenfalls den Planeten Venus; hierbei
ist uns Venus jedoch gegeben als derjenige Himmelskörper, der am
Morgenhimmel am deutlichsten zu sehen ist. Die Namensrelation für
,,Morgenstern`` wäre daher
,,Morgenstern``, ,,jener Himmelskörper, der am Morgenhimmel am deutlichsten
zu sehen ist``, der Planet Venus
.
Entgegen seiner sonstigen Gewohnheit wählt Frege für die Komponenten
und
seiner Namensrelation etwas unglückliche
Namen: für
benützt er das Wort ,,Sinn``, für
das Wort ,,Bedeutung``. Dieser Gebrauch weicht vom umgangssprachlichen
Gebrauch der beiden Wörter doch deutlich ab; man muss in philosophischen
Texten daher oft aufpassen, was mit den Wörtern ,,Sinn`` und ,,Bedeutung``
tatsächlich gemeint ist. Viele Autoren bemühen sich, die Gefahr
einer Verwechslung zu verringern, indem sie für die Komponente
die Formulierung ,,Sinn im Fregeschen Sinn`` oder kürzer
,,Fregescher Sinn`` und für die Komponente
die Formulierung
,,Bedeutung im Fregeschen Sinn``
oder ,,Fregesche Bedeutung`` benützen. Es ist auch nicht unüblich, den
Wörtern ,,Sinn`` und ,,Bedeutung`` ein Subskript ,,F`` (für ,,Frege``)
nachzustellen, wenn sie im Sinne von Freges
(,,Sinn
``) bzw.
(,,Bedeutung
``) gemeint sind.
Mit der dreistelligen Namensrelation Freges lässt sich das Problem
der Sätze (1) und (2) sofort lösen. Satz (1) ist tatsächlich trivial;
hier werden zwei Namen gleichgesetzt, die sowohl denselben Sinn
als
auch dieselbe Bedeutung
haben. Anders Satz (2): Wohl haben die beiden
gleichgesetzten Namen dieselbe Bedeutung
, bezeichnen also
denselben Gegenstand. Ihr Sinn
ist aber ein anderer, und
darin begründet sich der Erkenntnisgewinn, den uns Satz (2) verschafft.
Freges Theorie löst auch die Probleme Russells; eine negative
Existenzbehauptung sagt, dass der Sinn
, den ein Name ausdrückt,
keine Bedeutung
gibt. So wird der Name ,,Pegasus`` für viele von
uns den Sinn ,,das geflügelte Pferd`` ausdrücken. Zu sagen, Pegasus
existiere nicht, bedeutet dann bloß darauf hinzuweisen, dass der Name
nichts bezeichnet. Sinnlos ist der Name dagegen nicht, denn
einen Sinn
hat er gerade.
Frege vertritt nachdrücklich die Meinung,
dass in einer Wissenschaftssprache (und insbesondere in einer logischen
Sprache) bedeutung
-lose Namen nicht vorkommen dürfen: Eine physikalische
Diplomarbeit über die Atomstruktur des Steins der Weisen oder eine
linguistische Dissertation über das Klingonische verfehlt jedes Ziel; die
Namen ,,der Stein der Weisen`` und ,,die klingonische Sprache`` haben
keine Bedeutung
und damit in der Wissenschaft nichts verloren. Unsere
logische Sprache erfüllt Freges Anforderung, weil alle Individuenkonstanten
eine Bedeutung
haben.
Für den Wahrheitswert eines Satzes ist ausschließlich die Bedeutung
der in ihm vorkommenden Namen ausschlaggebend.5.7 Der wahre Satz ,,Der Abendstern ist
ein Planet`` bleibt wahr, wenn ich den Namen ,,Abendstern`` durch
einen Namen derselben Bedeutung
ersetze: ,,Der Morgenstern ist ein
Planet``. Das Prinzip der Substitution salva veritate (unsere
Regel der
) bleibt also unverändert gültig.
Frege argumentiert, dass auch Sätze Namen sind.5.8 Ein wahrer Satz ist
ein Name des Wahren, ein falscher Satz ist ein Name des Falschen.
Das Wahre, das Falsche und der Sinn
eines Satzes sowie der Sinn
eines
Namens sind platonistische, nichtphysikalische Gegenstände, die außerhalb von
Raum und Zeit existieren.5.9
1000pt
Da die Theorie Freges weitaus weiter reicht, als ich hier andeuten konnte, und da die Interpretationen dieser Theorie nicht einheitlich sind, möchte ich die Leserin ersuchen, den Originalaufsatz Über Sinn und Bedeutung5.10 zu lesen.
Die Bedeutungstheorie Freges ist nicht ohne Vorläufer. Die ersten,
die ähnliche Gedanken entwickelten, sind zweifellos die Stoiker.
Ihr
(Lekton)
ist vermutlich dasselbe wie Freges Sinn
.5.11 Eine jüngere elegante Theorie, die auch weniger platonische Leser erfreuen
dürfte, ist die Carnaps5.12.